ALINA KUNITSYNA

   

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Gemälde „Play Barock (Assunta)“ von Alina Kunitsyna


Prunksaal, Stift Herzogenburg (ein römisch-katholisches Kloster der Augustiner-Chorherren,
Deckenfresko von Bartolomeo Altomonte, 1772)


Ausstellung: Mai – August 2026
Stiftsführungen: täglich außer mittwochs um 11:00 Uhr, 14:00 Uhr und 15:30 Uhr

Alina Kunitsyna wurde 1981 in Minsk, Belarus, geboren und lebt seit 26 Jahren in Österreich. Sie studierte in Linz
und Wien und schloss 2007 ihr Diplom an der Akademie der bildenden Künste Wien in der Klasse für Neue
Medien ab. Ihre Lebensmittelpunkte sind Wien und Kärnten.
Ihre Hauptthemen sind die Hülle und die Falte. Die Hülle versteht sie nicht nur als Gewand, als eigenen Körper
oder als Zelle, sondern auch metaphorisch als Membran zwischen zwei Welten – als metaphysische «Hülle», wie
etwa Aura, Seele oder Glaube.


Der Barock ist eine stilistisch sehr „verspielte“ Epoche, die sich durch Dynamik, Bewegung und reiche Formen
auszeichnet. Eines der zentralen gestalterischen Mittel ist die Faltung, die insbesondere in der Darstellung von
Gewändern eine wichtige Rolle spielt.


In ihrem Gemälde „Play Barock“, 2020-2026, 490 x 260 cm, Öl auf Leinwand, greift die Künstlerin dieses Element auf,
indem sie ein eng verknotetes Gewand darstellt. Die leeren, verlassenen Hüllen verweisen auf die Abwesenheit
des menschlichen Körpers, dadurch und durch die Komposition und die aufwärtsstrebende Bewegung der Formen
deutet das Werk die Idee derTranszendenz an. Es entsteht der Eindruck einer neuen Himmelfahrt – eines Strebens
nach oben, nach Entfaltung und geistiger Erhebung.


In Play Barock bezieht sie sich auf Werke von Tizian – Allegorie der Zeit unter der Führung von Klugheit (ca.
1565–1570) (untere Bereich) sowie die Assunta (Mariä Himmelfahrt) in Santa Maria Gloriosa dei Frari in Venedig –
und auf das Buch Die Falte: Leibniz und der Barock (1988) von Gilles Deleuze.
Deleuze versteht die Welt nicht als Ansammlung diskreter, stabiler Einheiten, sondern als einen kontinuierlichen,
sich unendlich differenzierenden und faltenden Zusammenhang. Zur Beschreibung dieser Dynamik entwickelt er
ein Begriffssystem der Expression: Implizieren, Explizieren und Komplizieren.
Ein zentrales Bild für diese Dynamik ist bei Deleuze das barocke Haus: ein zweigeteilter Raum, dessen untere
Ebene der materiellen Welt entspricht, während die obere Ebene als Sphäre der Seele oder des Geistes gedacht
ist. Beide Ebenen sind jedoch nicht getrennt, sondern durch Faltungen miteinander verbunden. Das Haus ist
kein statisches Gefüge, sondern ein kontinuierlicher Übergang, in dem sich Innen und Außen sowie Materie und
Denken gegenseitig durchdringen.

Implizieren (implicatio): meint das Ineinandergefaltet-Sein von Strukturen. Etwas ist in etwas anderem enthalten,
ohne sich davon zu lösen; Ausdruck und Ausgedrücktes verbleiben in einem Verhältnis der Immanenz.

Explizieren (explicatio): beschreibt die Entfaltung oder Aktualisierung dessen, was zuvor implizit enthalten war.
Das Eine differenziert sich in die Vielheit und wird als Erscheinung wahrnehmbar.

Komplizieren (complicatio):bezeichnet den Zustand ursprünglicher Einheit, in dem die Vielheit ungeschieden enthalten ist.
Das „Eine" umfasst hier die Gesamtheit aller Differenzen in gefalteter Form.

Im Rückgriff auf Nikolaus von Kues und Gottfried Wilhelm Leibniz bestimmt Deleuze das Komplizieren als einen
genuin „göttlichen" Zustand. „Kompliziert" ist hier nicht im Sinne von schwierig zu verstehen, sondern als maximale
Verdichtung: alles ist in allem enthalten.

Das göttliche Komplizieren bezeichnet demnach einen Zustand, in dem alle Gegensätze und Möglichkeiten koexistieren,
ohne sich auszuschließen. Es ist eine absolute Einheit, in der Differenzen nicht aufgehoben, sondern in gefalteter Form
bewahrt werden. Diese Einheit stellt einen ursprünglichen Zustand maximaler Fülle dar, in dem noch keine Trennung
vollzogen ist. Zugleich liegt hierin ein Paradox: Die Unendlichkeit ist in einem Punkt konzentriert - nicht reduziert,
sondern intensiv gefaltet.

Vor diesem Hintergrund lässt sich das Bild Play Barock auch als eine Art visuelles „barockes Haus" lesen: Die dichte,
gefaltete Materialität verweist auf eine untere, körperlich-materielle Ebene, während sich darüber eine Bewegung der Entfaltung
und Ausdehnung vollzieht, die an eine immaterielle, offene Sphäre erinnert. Beide Bereiche sind nicht getrennt, sondern durch
kontinuierliche Übergänge miteinander verbunden - als ein Prozess permanenter Faltung zwischen Komplizieren und Explizieren.

 

Foto: Viktor Schaider, Alina Kunitsyna

 

 

 

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 

 
 
     

weil du sollst nicht aufhören mehr und mehr zu zeigen
2024 111,5 × 76 cm ink on paper

 

 
 
 
 
   
       

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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